Freitag, 12. Juni 2026

Einer von beiden war falsch

 


Freitag.

Eigentlich kein normaler Werktag.

Freitag ist der Tag, an dem das Gehirn längst im Wochenende angekommen ist und der Körper verzweifelt versucht, den Schein zu wahren.

So begann auch mein Morgen.

Meine Tochter und ich waren ohnehin schon viel zu spät dran. Wir verließen das Haus in jener Geschwindigkeit, die Eltern gerne als „zügig“ bezeichnen und die Außenstehende vermutlich als kontrollierte Panik beschreiben würden.

Draußen regnete es.

Natürlich regnete es.

Mein Regenschirm war zu klein, meine Schultasche zu voll und mein Zeitkonto bereits deutlich im Minus.

Die Tasche stand sperrangelweit offen. Hefte quollen heraus wie übermotivierte Partygäste, die unbedingt als Erste durch die Tür wollen. Gleichzeitig versuchte ich, den Regenschirm so zu halten, dass sowohl mein Kopf als auch der überladene Tasche auf meinem Rücken trocken blieben.

Der Schirm schaffte ungefähr die Hälfte.

Welche Hälfte, wechselte ständig.

Während wir durch den Regen liefen, arbeitete mein Gehirn bereits die To-do-Liste des Tages ab.

Unterricht.

Elterngespräch.

Theaterprojekt.

E-Mails.

Wochenendeinkauf.

Wäsche.

Ob mein Kind heute pünktlich zur Schule gegangen ist?

Ach ja.

Sie läuft ja direkt neben mir.

Es war viel los in meinem Kopf.

Zu viel.

Nach einigen Minuten warf ich zufällig einen Blick nach unten.

Ein Fehler.

Ein großer Fehler.

Denn dort, an meinen Füßen, befanden sich zwei Schuhe.

Zwei weiße Schuhe.

Zwei saubere Schuhe.

Zwei völlig unterschiedliche Schuhe.

Ich blieb stehen.

Der Regen prasselte.

Die Tasche hing schief.

Der Schirm verrutschte.

Und ich starrte auf meine Füße, als hätte ich dort gerade eine bislang unbekannte Tierart entdeckt.

Links ein Schuh.

Rechts ein anderer.

Sie hatten ungefähr dieselbe Beziehung zueinander wie eine Geige und ein Toaster.

Beides existiert.

Aber zusammengehören tun sie nicht.

Sofort begann mein Gehirn hektisch zu arbeiten.

Wer hat mich so angezogen?

Ich?

Beschuldigend blickte ich meine Tochter an.

Vielleicht sie?

Meine Tochter bemerkte meinen Blick.

„Mama?“

„Ach du Schande!“

„Was ist ‚ach du Schande‘?“

Ihr Blick wanderte nach unten.

Zu meinen Schuhen.

Dann wieder nach oben.

„Mama!“

Eine kurze Pause.

„Oh mein Gott! Was hast du gemacht?“

In diesem Moment durchlief ich innerhalb von drei Sekunden sämtliche Gefühlsstufen zwischen peinlich, schockiert und unfassbar komisch.

Ich musste laut lachen.

So laut, dass sich Schüler um uns herum umdrehten.

„Mama! Hör auf! Das ist peinlich! Alle schauen schon!“

Ich lachte noch mehr.

Denn sie hatte recht.

Alle schauten.

Wahrscheinlich nicht wegen meiner Schuhe.

Jetzt aber ganz sicher wegen meines Lachanfalls.

Ich machte auf dem Absatz kehrt.

Meine Tochter seufzte.

Dann drehte sie ebenfalls um.

Also liefen wir zurück.

Durch den Regen.

Mit meiner offenen Tasche.

Meinem verrutschenden Schirm.

Und zwei Schuhen, die offenbar in der Hektik des Morgens beschlossen hatten, gemeinsam auf Abenteuerreise zu gehen.

Irgendwo auf halber Strecke rutschte eine Socke tief in meinen Schuh.

Das war unangenehm.

Aber ehrlich gesagt nur mein drittgrößtes Problem.

Zu Hause angekommen, tauschte ich einen der beiden Ausreißer gegen sein tatsächliches Gegenstück aus.

Dann rannten wir zum Auto.

Nicht elegant.

Nicht würdevoll.

Sondern in jener Fortbewegungsart, die entsteht, wenn man gleichzeitig zu spät, nass und leicht verzweifelt ist.

Als wir schließlich an der Schule ankamen, zeigte die Uhr eine Zeit an, die keinerlei Spielraum mehr ließ.

Ich schnappte meine Tasche.

Rannte durch den Regen.

Durch die Eingangstür.

Durch den Gang.

Ins Klassenzimmer.

Zwei Sekunden vor Unterrichtsbeginn stand ich vor der Klasse.

Mit zwei zusammengehörigen Schuhen.

Äußerlich lächelnd.

Innerlich Puls 120.

Nasse Haare.

Nasse Kleidung.

Und einer Unterwäsche, die inzwischen vermutlich ein eigenes Mikroklima entwickelt hatte.

Die Schülerinnen und Schüler bemerkten nichts.

Zumindest hoffe ich das.

Während sie das Chillout-Handbuch durch die Reihen weitergaben, stellte ich meine Tasche ab und blickte auf das Thema der Stunde.

Stressbewältigung.

Natürlich.

Von allen Themen dieser Welt.

Stressbewältigung.

Ich strich mir die nassen Haare aus dem Gesicht.

Atmete tief durch.

Dann noch einmal.

Zur Sicherheit.

Die Klasse wartete.

Ich blickte kurz nach unten.

Auf meine Schuhe.

Sie passten zusammen.

Diesmal.

Dann begann ich ihnen zu erzählen, wie man Stress sinnvoll frühzeitig vermeidet. 


@ Monika C. Schmid 

Einer von beiden war falsch