zu Coronamüdigkeit und gelernter Hilflosigkeit
Wir Menschen
handeln immer aus einem bestimmten Grund heraus. Wir nennen das Motiv.
Die
Motivation ist also der Antrieb, der aus den Motiven heraus entsteht, ein
bestimmtes Verhalten zu zeigen. Hier unterscheiden wir zwischen einer
„intrinsischen“ und einer „extrinsischen“ Motivation.
„Intrinsische
Motivation“ ist, wenn Menschen, sogar nachts, an roten Ampeln stehen bleiben,
auch wenn kein Auto kommt. Menschen, die wiederum nur dann bei Rot stehen bleiben, wenn ein
Auto kommt oder ein Polizist in der Nähe ist, handeln aufgrund „extrinsischer
Motivation“.
Seit nun
genau einem Jahr Corona zeigt sich, dass die intrinsische Motivation der
Menschen stark nachlässt. Viele Menschen fangen an, sich nur noch an die Regeln
zu halten, wenn sie überwacht werden. Wir tragen die Maske, weil wir sonst
Strafe zahlen müssen. Wir gehen nicht zu zweit zu Oma und Opa ins Haus, weil
uns die Nachbarn vielleicht verpfeifen könnten. Wir geben beim Gesundheitsamt
an, wir wüssten nicht, wo wir uns angesteckt hätten, weil der Fußballabend mit
den Jungs strafbar wäre…
Doch warum
verhalten wir Menschen uns nun so? Weil wir nach monatelangen Einschränkungen,
ob wir sie nun nachvollziehen und verstehen können, oder nicht – das Gefühl
bekommen, dass sich an der Lage ohnehin nichts ändert, egal wie wir uns
verhalten.
In der
Psychologie nennen wir sowas: „gelernte Hilflosigkeit“. Hierbei haben wir drei
mögliche Arten zu reagieren: Entweder wir werden depressiv, wir werden
aufsässig oder wir lassen es laufen!
Wenn ich
mich so, in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, umsehe, stelle ich fest, dass
alle drei Ausprägungen zum Vorschein kommen und sich über die Zeit hinweg
massiv zu verstärken scheinen.
Zu welchem
Reaktionsmuster hat es mich denn getrieben? Despression, Rebellion oder
Apathie? Ich kämpfe mich täglich mit allen drein rum und versuche eine Balance
zu schaffen, die mich durch den Tag trägt.
Sozialpsychologisch
ist aber eines klar: „Eine Gesellschaft funktioniert nur dann, wenn die
Menschen bereit sind, sich freiwillig an die Regeln zu halten. Das setzt
voraus, dass man von den Regeln überzeugt ist.“
Und Hand
aufs Herz! Sind wir das denn noch?
Verstehen
wir noch die Regeln? Nein? Und warum? Weil sie keinen Sinn mehr machen!
Ich will uns
Beispiele an dieser Stelle ersparen, ich glaube jedes Kind könnte mittlerweile
ein Lied davon singen.
Problematisch
für unsere psychische Gesundheit ist zudem die „verschobene Verantwortung“ der
Politik auf die Gesellschaft. „Wir beobachten, wie sich der Inzidenzwert
entwickelt, wenn er fällt, lockern wir, wenn nicht, lassen wir alles zu!“, das
zeigt doch eindeutig, dass seit einem Jahr die Verantwortung allein auf das
Individuum geschoben wird.
Wenn es also
nicht besser wird, haben wir uns nicht genug zusammengerissen???
Wir sind also
in jedem Fall schuld daran, dass wir Corona nicht besiegen. Und somit zieht
sich der Staat mit all seinen feinen Politikern aus der Verantwortung, nichts,
auch rein gar nichts Effektives zur Corona Bekämpfung zeitnah und effizient
vollbracht zu haben.
Ich erinnere
an dieser Stelle an die Werbung, in der ein Kind sagt: „…ich wasche meine
Hände, damit Oma und Opa gesund bleiben!“ WHAT? Wie kann man Kindern diesen
unglaublich großen und schweren Schuh der Verantwortung anziehen, den er
niemals tragen kann und vor allem sollte. Im Umkehrschluss bedeutet das noch
nichts anderes, als die Tatsache, dass wenn Oma oder Opa an Corona gestorben
sind, ich -Kind - schuld daran bin, weil ich meine Hände nicht richtig gewaschen
habe! Grausam diese Bürde, die dem Kind hier unterschwellig aufgetragen
wird.
Wie soll das
alles nur weitergehen?
Wann und wie
hört diese Pandemie denn nun auf?
Erfahrungsberichte
der Geschichte zeigen, dass es zwei Wege gibt, wie eine Pandemie endet.
Medizinisch oder sozial.
Das
medizinische Ende kommt dann, wenn ein Großteil der Bevölkerung die Infektion
überstanden hat oder durch die Impfung immun ist.
Das soziale
Ende jedoch, findet in unseren Köpfen statt. Wir werden Corona-müde. Die Angst
vor der Krankheit nimmt ab, die Aufmerksamkeit lässt nach, andere Themen
gewinnen wieder an zentraler Aufmerksamkeit, wir nehmen die Einschränkungen
nicht mehr vollends hin, wir trauen uns wieder mehr und mehr aus dem
unsichtbaren Käfig der Politik heraus und lernen, mit der Krankheit zu leben.
Oder doch nicht?
M.C. Schmid